Bevor die AfD in Sachsen-Anhalt mitregiert: Migrant*innenverbände fordern Bund-Länder- Kommission zum Schutz von Minderheiten

Gemeinsame Pressemitteilung von TGD, BKMO, DaMOst und LAMSA – Berlin, 19.10.2026

Bevor die AfD in Sachsen-Anhalt mitregiert: Migrant*innenverbände fordern Bund-Länder-Kommission zum Schutz von Minderheiten

Offener Brief an Kanzler und Ministerpräsident*innen vor der MPK am Donnerstag. Beratungsstelle in Sachsen-Anhalt meldet seit der Wahl jeden Tag einen neuen Fall. Vier Dachverbände von Migrant*innenorganisationen fordern von Bund und Ländern eine Kommission zum Schutz von Minderheiten. Sie soll arbeiten, bevor in Sachsen-Anhalt eine Regierung mit Beteiligung der AfD steht. Außerdem verlangen die Verbände, dass bedrohte Geflüchtete trotz Residenzpflicht und Wohnsitzauflage wegziehen dürfen, und einen Schutzfonds des Bundes für bedrohte Vereine und Gemeinden.

Den offenen Brief an den Bundeskanzler und die Regierungschef*innen der Länder haben die

Türkische Gemeinde in Deutschland (TGD), die Bundeskonferenz der Migrant*innenorganisationen (BKMO), der Dachverband der Migrant*innenorganisationen in Ostdeutschland (DaMOst) und das Landesnetzwerk Migrant*innenorganisationen Sachsen-Anhalt (LAMSA) heute in der Bundespressekonferenz vorgestellt. Am Donnerstag treffen sich die Ministerpräsident*innen zur MPK.

Bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt hat die AfD fast 44 Prozent der Stimmen geholt. Der Verfassungsschutz stuft ihren Landesverband als gesichert rechtsextremistisch ein. Zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik könnte eine solche Partei über Polizei, Schulen und Verwaltung eines Landes mitentscheiden.

„Nach den NSU-Morden und Hanau ist das Vertrauen vieler Menschen mit Migrationsgeschichte in die Behörden schwer erschüttert. Jetzt könnte in Sachsen-Anhalt eine gesichert rechtsextremistisch eingestufte Partei über die Polizei mitbestimmen. Da fragen sich viele: Wer schützt uns, wenn die, die uns schützen sollen, uns nicht schützen wollen?“ sagt Mehtap Çağlar, Bundesvorsitzende der TGD. Die Bedrohung wächst schon jetzt. Die LAMSA-Beratungsstelle „Entknoten“ hat 2026 bisher 85 rassistische Vorfälle begleitet, mehr als im gesamten Vorjahr (81 Vorfälle). Seit der Wahl kommt jeden Tag eine neue Anfrage dazu.

„Uns erreichen täglich Fragen wie: Wann muss ich meinen Koffer packen? Wird mir mein deutscher Pass weggenommen? Das sind reale Ängste von Familien, die hier leben“, sagt Mika Kaiyama, Referentin für Grundsatzfragen bei LAMSA. Gleichzeitig nimmt das Vertrauen in die Demokratie ab, und trotzdem werden Mittel gekürzt, die diese demokratischen Werte aufrechterhalten.

„Gerade in Ostdeutschland sind migrantische Organisationen längst unverzichtbare demokratische Akteure. Sie übernehmen Verantwortung, wo staatliche Strukturen an ihre Grenzen stoßen. Es ist ein politischer Widerspruch, ihre Arbeit jahrelang in Anspruch zu nehmen und gleichzeitig ihre Legitimität infrage zu stellen. Ein Staat, der seine demokratischen Verbündeten schwächt, schwächt am Ende sich selbst.”, sagt Eter Hachmann, Vorstandsvorsitzende von DaMost.

Die drei Forderungen im Einzelnen:

1. Bund-Länder-Kommission zum Schutz von Minderheiten: Sie erfasst, wo Menschen gefährdet sind, benennt Schutzlücken und legt Maßnahmen mit Zuständigkeit, Geld und Frist fest. Sie klärt vorab, wie der Rechtsstaat reagiert, wenn eine Landesregierung die Grenzen der Verfassung austestet. Betroffene Communitys bekommen feste Sitze. Politisch verantwortlich ist das Kanzleramt, fachlich das Bundesinnenministerium.

2. Schutzklausel bei Residenzpflicht und Wohnsitzauflage: Eine konkrete rassistische, antisemitische oder rechtsextreme Bedrohung soll ausdrücklich als Härtefall gelten. Betroffene dürfen dann ihren Wohnort verlassen, auch in ein anderes Bundesland.

3. Schutzfonds des Bundes: Bedrohte Vereine, Beratungsstellen und Gemeinden bekommen Geld für Sicherheitstechnik, Beratung und Schutzmaßnahmen. Das Geld kommt direkt vom Bund, ohne dass das Land zustimmen oder mitzahlen muss. Vorbild sind die 22 Millionen Euro, mit denen der Bund nach dem Anschlag von Halle jüdische Einrichtungen gesichert hat.

„Der Bundeskanzler hat nach der Wahl versprochen: Das Grundgesetz gilt auch in Sachsen-Anhalt. Dieses Versprechen muss er jetzt einlösen“, sagt Karen Taylor, Vorstandsvorsitzende der BKMO. „Wo sind Menschen in Gefahr? Wer schützt sie? Und wer bezahlt dafür? Darauf brauchen wir am Donnerstag Antworten.“

Die Verbände erwarten innerhalb von 14 Tagen eine schriftliche Antwort. Bis zur Innenministerkonferenz im Dezember wollen sie öffentlich nachhalten, was Bund und Länder umsetzen.

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Über die Organisationen

Türkische Gemeinde in Deutschland e.V. (TGD)

Die Türkische Gemeinde in Deutschland (TGD) wurde am 2. Dezember 1995 gegründet, um sich in der Öffentlichkeit sowie gegenüber Politik und Verwaltung für die Belange und Interessen türkeistämmiger Menschen in Deutschland einzusetzen. Als gemeinnütziger eingetragener Verein ist sie eine Dachorganisation, die 270 Einzelvereine über Landesdachverbände sowie Fachverbände repräsentiert. Ihr Ziel ist eine lebendige Migrationsgesellschaft, in der Vielfalt gelebt wird und in Institutionen, Politik und Medien sichtbar repräsentiert ist. Die TGD versteht sich heute als Teil der Demokratie- und Menschenrechtsbewegung in Deutschland und möchte erreichen, dass möglichst viele Menschen Verantwortung für den gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Werte des Grundgesetzes übernehmen. Als Schlüssel zu einer erfolgreichen Migrationsgesellschaft und zum Erhalt der Demokratie setzt sie sich für Partizipation ein, die sie über Themenschwerpunkte und spezifische Projekte verfolgt.

Bundeskonferenz der Migrant*innenorganisationen e.V. (BKMO)

Die Bundeskonferenz der Migrant*innenorganisationen (BKMO) ist ein Zusammenschluss von über 70 Migrant*innenorganisationen, der sich für gleichberechtigte Teilhabe, soziale Gerechtigkeit und eine offene, demokratische Gesellschaft einsetzt. Als regelmäßiges integrationspolitisches Diskussionsforum bringt sie Migrant*innenverbände zusammen, die selbstbestimmt und mit eigener Agenda arbeiten. Denn damit Interessen wirksam vertreten werden können, braucht es mehr als einzelne Stimmen: Koordination, Bündelung und strategische Zusammenarbeit. Gemeinsam formuliert die BKMO Anliegen, schafft Synergien und bringt migrantische Perspektiven strukturiert, kompetent und bundesweit in politische Entscheidungsprozesse ein. So verschafft sie den Stimmen der Migrationslandschaft mehr Gehör, gibt politische Impulse und leistet einen Beitrag zu einer zukunftsgewandten und teilhabeorientierten Politik für ALLE.

Dachverband der Migrant*innenorganisationen in Ostdeutschland e.V. (DaMOst)

DaMOst ist eine vielfältige, (post-)migrantische Organisation in Ostdeutschland, die länderübergreifend agiert und vernetzt ist. Sie strebt eine offene, diverse und gerechte Gesellschaft an, in der Menschen mit eigener bzw. familiärer Migrationserfahrung als integrale und unverzichtbare Mitglieder platziert sind. DaMOst setzt sich für gleichberechtigte Teilhabe, interkulturelle Verständigung und die Nutzung der Potenziale von Einwanderung ein, um eine integrative und diverse Gesellschaft zu fördern. Diskriminierung in allen Formen lehnt die Organisation unmissverständlich ab. Ihr Ziel ist erreicht, wenn die gleichberechtigte Teilhabe aller Menschen generationsübergreifend in einer solidarischen, rassismus- und diskriminierungsfreien (Post-)Migrationsgesellschaft durchgesetzt ist.

Landesnetzwerk Migrant*innenorganisationen Sachsen-Anhalt (LAMSA e.V.)

Das Landesnetzwerk Migrantenorganisationen Sachsen-Anhalt (LAMSA) e. V. ist ein Zusammenschluss von Menschen mit Migrationsgeschichte in Sachsen-Anhalt. Als Dachverband der Migrant*innenorganisationen verbindet LAMSA Menschen mit unterschiedlicher Herkunft, kultureller Prägung, Sprache und religiöser Zugehörigkeit, aber auch unterschiedlichen Geschlechts und Alters sowie diverser Lebensrealitäten. Es vertritt deren Interessen und bildet eine Einheit der Vielfalt. Gegründet wurde LAMSA 2008 in Dessau, die Vereinsgründung im Jahre 2014 mit dem Ziel, gleichberechtigte Teilhabe aller Menschen mit Migrationsgeschichte am gesellschaftlichen Leben. Dahinter steht die Vision, eine Gesellschaft ohne Diskriminierung, Rassismus und Vorurteile. Derzeit sind 120 Organisationen und Einzelpersonen als Mitglieder im LAMSA vertreten.

Fast jede*r Dritte hat eine Migrationsgeschichte – im Bundestag sind es nur 11,6 Prozent

Pressemitteilung – Berlin, 09.10.2026

Fast jede dritte Person in Deutschland hat eine Migrationsgeschichte, im Bundestag sind es nur 11,6 Prozent. Ein neues Dossier der Bundeskonferenz der Migrant*innenorganisationen (BKMO) zeigt: Das liegt nicht an fehlendem Engagement, sondern an Hürden bei Wahlrecht, Parteien und Beteiligungsstrukturen. Es erscheint heute im Rahmen der 11. Jahreskonferenz der BKMO in Berlin.

Der erste Filter ist die Staatsangehörigkeit: Nur 36 Prozent der in Deutschland lebenden Migrant*innen waren bei der Bundestagswahl 2021 wahlberechtigt. Auch wer wählen darf, landet laut Beobachtung von BKMO-Mitgliedern oft auf Listenplätzen ohne realistische Aussicht auf ein Mandat. Das sind sogenannte „PR-Platzierungen“.

Besonders groß ist die Lücke in Ostdeutschland: Von 73 Bundestagsabgeordneten mit Migrationsgeschichte kommen nur vier aus den neuen Bundesländern. Das Dossier nennt Menschen mit Migrationsgeschichte dort „doppelt unsichtbar„.

„Doppelt unsichtbar heißt: Wir arbeiten, engagieren uns und gestalten, und kommen trotzdem kaum auf einer Liste vor. Das tut weh. Und es ist vermeidbar.“, sagt Eter Hachmann, Vorsitzende des Dachverbands der Migrant*innenorganisationen in Ostdeutschland (DaMOst) und Vorstandsmitglied der BKMO.

„Wir engagieren uns seit Jahrzehnten, im Elternbeirat, im Verein, im Stadtteil. Nur dort, wo Entscheidungen fallen, kommen wir kaum vor. Das ist kein Mangel an Interesse, das ist ein Mangel an Zugang. Und der muss politisch geändert werden„, sagt Ehsan Djafari, Co-Vorstandsvorsitzender der BKMO.

Was sich laut Dossier ändern muss:

  • Bund: Kommunales Wahlrecht auch für Drittstaatsangehörige, wie es Luxemburg seit 2022 für alle Einwohner*innen mit Aufenthaltsrecht kennt, und zügigere Einbürgerungsverfahren.
  • Parteien: Transparente Listenaufstellungen, Mentoring und Quoten statt symbolischer Nominierungen.
  • Länder und Kommunen: Integrations- und Migrationsbeiräte mit echten Kompetenzen.
  • Förderpolitik: (Post)migrantische Organisationen stärken und ihre Vermittlungsarbeit finanzieren.

Zahlen aus dem Dossier auf einen Blick

  • rund 30 Prozent der Bevölkerung mit Migrationsgeschichte
  • 11,6 Prozent der Bundestagsabgeordneten (2025)
  • 36 Prozent der Migrant*innen bei der Bundestagswahl 2021 wahlberechtigt
  • 4 von 73 Abgeordneten mit Migrationsgeschichte aus Ostdeutschland

Veröffentlicht auf der BKMO 11: Das Dossier erscheint heute zur 11. Bundeskonferenz der Migrant*innenorganisationen, die unter dem Motto „(Über)Leben“ in Berlin stattfindet. Migrantische Organisationen erleben derzeit eine Zeit spürbarer Unsicherheit: Fördermittel werden gekürzt, Strukturen stehen zur Disposition. Auf der Konferenz diskutieren Migrant*innenorganisationen, Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft darüber, wie Teilhabe gesichert werden kann. „Wir stellen die Frage heute direkt an die, die entscheiden: Wer trägt Verantwortung dafür, dass Millionen Stimmen ungehört bleiben?„, so Djafari.

Das Dossier (54 Seiten) zum Download: https://bundeskonferenz-mo.de/wp-content/uploads/2026/10/dossier-jenseitsdeswahlzettels_finales_OnlinePDF.pdf

Über den KVVZ: Das Dossier entstand im Kooperationsverbund für Vielfalt und Zusammenhalt (KVVZ). Er ist ein Zusammenschluss von sechs bundesweit aktiven (post-)migrantischen Organisationen: der Bundeskonferenz der Migrant*innenorganisationen (BKMO), dem Bundesverband russischsprachiger Eltern (BVRE), dem Dachverband der Migrant*innenorganisationen in Ostdeutschland (DaMOst), dem Netzwerk neue deutsche organisationen (ndo), dem Polnischen Sozialrat (PSR) und der Türkischen Gemeinde in Deutschland (TGD). Der KVVZ stärkt Teilhabe, gestaltet öffentliche Debatten mit und macht Repräsentanz sichtbar.

Über die BKMO: Die Bundeskonferenz der Migrant*innenorganisationen (BKMO) ist ein bundesweites Netzwerk von über 70 migrantischen und postmigrantischen Initiativen. Sie setzt sich für gleichberechtigte Teilhabe, soziale Gerechtigkeit und eine offene, demokratische Gesellschaft ein.

Für Interviews und Hintergrundgespräche mit Ehsan Djafari und Autor*innen der sechs Organisationen vermitteln wir gern Termine.

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