Familiennachzug schafft Integration: Bundesregierung muss Dobrindts Vorhaben verhindern

Pressemitteilung – Berlin, 28.05.2025

Heute bringt Bundesinnenminister Dobrindt im Bundeskabinett einen Gesetzentwurf ein, der verhindert, dass Geflüchtete mit subsidiärem Schutz ihre Familien nach Deutschland holen. Die Bundeskonferenz der Migrant*innenorganisationen (BKMO) ruft die gesamte Bundesregierung auf, das Gesetz zu verhindern und im Familiennachzug den Schlüssel zu gelungener Integration zu sehen.

„Im Koalitionsvertrag hieß es noch, die Regierung wolle Rahmenbedingungen für gelingende Integration stärken“, betont Mamad Mohamad, Co-Vorsitzender der BKMO. „Die Abschaffung des Familiennachzugs ist jedoch ein klarer Rückschritt für die Integrationspolitik Deutschlands. Das Trennen von Familien aus Konfliktregionen zieht tiefe psychologische Belastungen nach sich, die Kindern wie Erwachsenen und langfristig auch der Migrationsgesellschaft großen Schaden anrichten. Statt den Familiennachzug abzuschaffen, sollte die Bundesregierung die Verfahren effektiver gestalten.“

Der Familiennachzug fördert die Integration hierzulande und bietet zudem rechtssichere Möglichkeiten zur Aufnahme Schutzsuchender. Wird der Familiennachzug ausgesetzt, sind es meist Frauen und Kinder in Kriegsregionen, die aus Angst um ihr Leben auf gefährliche Fluchtrouten ausweichen.

Die BKMO ruft alle Mitglieder des Bundeskabinetts auf, den Gesetzentwurf von Bundesinnenminister Dobrindt in seiner jetzigen Form zu verhindern. Nur so kann die Bundesregierung – gerade zum Start der Legislatur – glaubwürdig für eine integrationsfördernde Politik stehen.

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An die neue Bundesregierung: Appell für eineverantwortungsvolle Migrationspolitik

7. Mai 2025

Die BKMO ist eine von 293 Organisationen, die folgenden Appell an die neue Bundesregierung unterschreibt:

An die neue Bundesregierung: Appell für eine
verantwortungsvolle Migrationspolitik

Mit ihrem Koalitionsvertrag stellen Union und SPD die Verantwortung für Deutschland ins Zentrum ihres Handelns. Zum Amtsantritt der Regierung machen 293 Organisationen und Verbände deutlich: Diese Verantwortung muss für alle Menschen in Deutschland gelten.

Der Wahlkampf war geprägt von einer aufgeheizten Stimmung, die sich vor allem gegen Geflüchtete und Zugewanderte richtete. Das hat sich auch im Koalitionsvertrag niedergeschlagen. Doch die Ausgrenzung einzelner Gruppen schafft ein Klima der Angst für alle und untergräbt den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Am Ende nützt das nur den Feinden einer freiheitlichen Demokratie. Damit muss endlich Schluss sein.

Zugewanderte und hierher geflüchtete Menschen sind integraler Teil unserer Gesellschaft – sie gehören zu Deutschland. Sie bereichern uns in allen Bereichen, ob in Familie und Freundeskreis, der Nachbarschaft, den Schulen, den Sportvereinen oder den Betrieben. Viele von ihnen leisten jeden Tag unverzichtbare Arbeit – im Einzelhandel, im Krankenhaus, in der Industrie, in der Gastronomie, an Flughäfen, im öffentlichen Nahverkehr oder ehrenamtlich in Vereinen und gemeinnützigen Organisationen. Für uns ist klar: Unsere Gesellschaft gewinnt ihre Stärke aus Offenheit, Vielfalt und der Überzeugung, dass allen Menschen gleiche Rechte zukommen.

Nicht Geflüchtete und Zugewanderte spalten unsere Gesellschaft, sondern eine Politik, die sich den strukturellen und sozialen Problemen unseres Landes zu lange nicht konsequent angenommen hat. Die mittlerweile in der Gesellschaft verbreiteten Gefühle von Verunsicherung und Überforderung beim Thema Flucht und Migration werden somit noch verstärkt, anstatt ihnen mit guten Konzepten für eine funktionierende Asyl-, Aufnahme-, und Integrationspolitik zu begegnen. Für die hohe Belastung von Kommunen und einzelnen Berufsgruppen im Zusammenhang mit Migration werden allein Geflüchtete verantwortlich gemacht, anstatt die tatsächlichen sozialen, politischen und finanziellen Ursachen dieser Belastung anzugehen. So darf es nicht weitergehen. Was es jetzt braucht, ist eine Migrationspolitik, die verantwortlich handelt, statt unsere offene und vielfältige Gesellschaft
zu gefährden.

Eine solche verantwortungsvolle Migrationspolitik…

  • … schützt die Rechte der Einzelnen und somit aller – das gilt insbesondere auch für das Recht auf Asyl. Das Bekenntnis zum Recht auf Asyl im Koalitionsvertrag ist essentiell, reicht aber allein nicht aus. Es muss auch gelebt werden. Zurückweisungen an den Grenzen, Abschiebungen in Krisenländer und eine Beweislastumkehr im Asylverfahren zulasten Geflüchteter sind damit nicht vereinbar.
  • … nimmt Sorgen und Ängste ernst, ohne sie zu befeuern. Eine demokratische Gesellschaft lebt von der streitbaren Diskussion und verschließt nicht die Augen vor Herausforderungen. Doch dabei darf die kommende Bundesregierung nicht den humanitären und menschenrechtlichen Kompass verlieren, der Grundlage unseres Zusammenlebens ist.
  • … fördert die Integration aller Menschen. Die nächste Bundesregierung sollte Familien Sicherheit bieten, statt mit der Aussetzung des Familiennachzugs Integration zu verhindern. Auch braucht es weiterhin Chancen für diejenigen, die schon lange bei uns sind, weshalb das Erfolgsmodell des Chancen-Aufenthaltsrechts entfristet werden sollte. Für ein freiheitliches Zusammenleben müssen zudem Wege zu sicheren und gleichen Bürgerrechten durch Einbürgerung eröffnet werden, die keine Gruppen ausschließen. Integration darf dabei nicht allein von der Arbeitsmarktintegration abhängig gemacht werden, sondern es muss allen möglich sein, gleichberechtigte Mitglieder unserer Gesellschaft zu werden.
  • … investiert in Strukturen für erfolgreiche Integration und Aufnahme. Die im Koalitionsvertrag benannten Investitionen in die Integrationsstrukturen sind von entscheidender Bedeutung und dürfen nicht unter Finanzierungsvorbehalt gestellt werden. Dies gilt insbesondere für die vielfältigen zivilgesellschaftlichen Beratungs- und Betreuungsstrukturen sowie Integrations- und weitere Sprachkurse. Integration gelingt vor Ort in den Kommunen – diese müssen daher für ihre Aufgaben effektiv, umfassend und nachhaltig finanziell ausgestattet werden.
  • … nutzt alle vorhandenen Potentiale. Angesichts des Fachkräftemangels sollte die Bundesregierung konsequent alle vorhandenen Potentiale von hier ankommenden und lebenden Menschen nutzen und Hürden für Qualifikation und Arbeitsaufnahme abbauen. Hier sind bereits wichtige Schritte im Koalitionsvertrag vereinbart, doch braucht es darüber hinaus einen echten Spurwechsel und den konsequenten Abbau der Arbeitsverbote für alle Geflüchteten. Auch Gruppen wie Alleinerziehende oder Geflüchtete mit Behinderungen müssen beim Zugang zum Arbeitsmarkt unterstützt werden.
  • … schaut über den nationalen Tellerrand. Den weltweit zu beobachtenden autoritären Entwicklungen sollte die neue Bundesregierung mit der Verteidigung einer offenen, liberalen Gesellschaft begegnen, statt die Verantwortung für den Flüchtlingsschutz durch die Streichung des sogenannten „Verbindungselements“ auf Drittstaaten abzuwälzen oder sich durch fragwürdige Abkommen mit Drittstaaten in politische Abhängigkeiten zu begeben. Sie sollte sich für eine solidarische Verantwortungsteilung im internationalen Flüchtlingsschutz einsetzen und sichere Zugangswege in Form von Resettlement und Aufnahmeprogrammen eröffnen, statt sie zu beenden.

Die unterzeichnenden Verbände leisten täglich ihren Beitrag für eine Gesellschaft, die ihre Stärke aus Offenheit, Vielfalt und der Zusammenarbeit von Menschen verschiedenster Herkunft, Hintergründe und Fähigkeiten gewinnt. Wer die Demokratie verteidigen will, muss auch die Zivilgesellschaft und insbesondere migrantische Selbstorganisationen achten und stärken.

Daher appellieren wir an die Bundesregierung: Übernehmen Sie Verantwortung für eine offene Gesellschaft! Eine Gesellschaft, in der Einwanderung unterschiedlichster Art als
Chance begriffen wird; in der Zugewanderte und Geflüchtete als gleichwertig anerkannt werden; in der Offenheit und Vielfalt als unsere Stärken begriffen werden.

Den vollständigen Appell sowie die Liste der unterzeichnenden Organisationen finden Sie hier.

Offener Brief: Finanzielle Unterstützung der Zivilgesellschaft

Die BKMO unterstützt den europaweiten Aufruf an Geldgeber, die Zivilgesellschaft zu unterstützen, um eine Krise des Asyls, der Aufnahme und der Integration in Europa zu verhindern.

Open Letter: Call for donors to support civil society to prevent a crisis of asylum, reception and inclusion in Europe

More than 100 civil society organisations working on asylum and migration have signed an open letter calling on institutional and private donors to increase their support to civil society in order to prevent a crisis of asylum, reception and inclusion in Europe.

Concerned about the impacts of recent US funding cuts on displaced people all over the world and the organisations that support them, they have made the following recommendations:

To the European Commission:

  • Use the mid-term review of the Asylum, Migration and Integration Fund (AMIF) and the European Social Fund+ (ESF+) to ensure that funding channelled via EU member states adequately supports civil society organisations working on asylum and migration
  • Consider how to fund civil society organisations directly (e.g. through resources from the AMIF thematic facility), in order to respond to the emerging needs for legal aid, counselling and other activities, all of which have a high added value for the EU by supporting the implementation of the Pact
  • Review whether, given the changed context, EU member states should be obliged to spend a certain percentage of their national programmes in support of civil society, a good practice established for EU funding for displacement from Ukraine
  • Adapt national programmes under the Instrument for Pre-Accession Assistance to respond to the emerging needs in relation to asylum and migration

To EU member states:

  • Ensure that national programmes under the AMIF and the Border Management and Visa Instrument (BMVI) provide adequate resources for civil society organisations, that civil society organisations are considered eligible under all relevant call for proposals, that activities include legal counselling and representation, and that calls for proposals are issued promptly
  • Convene consultations with affected civil society organisations to understand what the needs are and how they can be addressed in the short-, medium- and long-term

To private funders:

  • Re-assess funding needs for asylum in Europe, increase resources for this purpose and prioritise countries where neither national allocation of EU funds nor institutional funding reaches civil society.

The open letter, including the full list of signatories, is available here.

Neustart mit Merz: Integrationsgipfel noch vor der Sommerpause gefordert 

Pressemitteilung – Berlin, 06.05.2025

Die BKMO ruft zur Zusammenarbeit auf: für eine gemeinsame Gestaltung der Migrationsgesellschaft. 

Nach einem polarisierenden Wahlkampf braucht es nun Versöhnung und verbindliche Zusammenarbeit. Die Bundeskonferenz der Migrant*innenorganisationen (BKMO) gratuliert Friedrich Merz zum Amtsantritt als Bundeskanzler – und fordert einen Integrationsgipfel noch vor der Sommerpause.

„Wir stehen bereit“, erklärt Karen Taylor, Co-Vorsitzende der BKMO. „Ob Fachkräftemangel, soziale Infrastruktur oder gesellschaftlicher Zusammenhalt – für all diese Herausforderungen brauchen wir praxisnahe Lösungen. Wir wünschen dem neuen Bundeskanzler viel Erfolg und bieten uns als engagierte Berater*innen an. Als migrantische Selbstorganisationen verfügen wir über tiefes Wissen aus unseren Communities. Ein Integrationsgipfel noch vor der Sommerpause wäre die Chance, dieses Potenzial zu nutzen – und das Vertrauen der 25 Millionen Menschen mit Migrationsgeschichte zurückzugewinnen.“

Auch Mamad Mohamad, Co-Vorsitzender der BKMO, betont: „Es geht nicht um uns allein, sondern um die Zukunft unserer Demokratie und unseres Wohlstands. Unsere Perspektiven sind unerlässlich, wenn Deutschland nicht nur zusammenfinden, sondern auch vorankommen soll. (Post-)Migrant*innen tragen entscheidend zur wirtschaftlichen Stabilität und zur Gesundheitsversorgung bei – sie sind systemrelevant. Wenn die Bundesregierung das Land auf Kurs bringen will, muss sie uns einbinden. Unsere Hand bleibt ausgestreckt für einen Integrationsgipfel noch vor der Sommerpause.“

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