BKMO 11
Oktober 2026
Über 170 Menschen aus (post)migrantischen Organisationen, Zivilgesellschaft und Politik kamen am 9. Oktober 2026 im Mitosis Lab in Berlin-Neukölln zur elften Bundeskonferenz der Migrant*innenorganisationen zusammen, unter dem Motto „(Über)Leben“. Mittel werden gekürzt, Themen werden besetzt, Organisationen, die seit Jahren Brücken bauen und Strukturen halten, geraten unter Druck, nicht weil sie gescheitert sind, sondern weil sich der politische Wind gedreht hat. Genau das haben wir ausgesprochen und einen Tag lang Raum geschaffen für Austausch, geteilte Erfahrungen und neue Verbündete.
“Werden Sie noch politischer, sichtbarer, hörbarer!” Natalie Pawlik
Eröffnet wurde der Tag mit Grußworten von Ehsan Djafari (Iranische Gemeinde in Deutschland, BKMO-Vorstand), Natalie Pawlik (Integrations- und Antirassismusbeauftragte), Dr. Hans-Eckhard Sommer (Präsident des BAMF) und Honey Deihimi (BMBFSFJ). Dr. Sommer wies dabei auf die gesellschaftspolitische Wichtigkeit von Migrantenselbstorganisationen und der Wirksamkeit der Strukturförderung hin, wie sie sein Haus seit 2013 vergibt, und sprach sich für den Erhalt dieser Förderstrukturen aus. Diese Konferenz selbst sei “ein Zeichen nachhaltiger Verbandsentwicklung”. Die verschiedenen Facetten politischer Teilhabe beleuchtete Frau Deihimi in ihrer Ansprache: Menschen mit Migrationsgeschichte sollten sich (noch) stärker in politischen Parteien einbringen und bspw. im öffentlichen Dienst arbeiten, und bezog sich damit auf unser Motto: Gleichberechtigung ist das Ziel. Mitbestimmung der Anfang. Frau Pawlik wies auf die drohenden Kürzungen im Bereich Integration und gesellschaftlicher Zusammenhang hin, für die es belastbare Lösungen brauche. Sie forderte uns alle auf: “Werden Sie noch politischer, sichtbarer, hörbarer!”
Politik als Verantwortung
Im ersten Panel, moderiert von Karim El-Helaifi (NDO), ging es um ein Gespräch, das wehtut und trotzdem geführt werden musste: Was haben Kürzungen, Diskursverschiebungen und politische Angriffe konkret angerichtet, und welche Verantwortung tragen auch jene, die sich selbst als progressive Verbündete verstehen, aber zu lange geschwiegen haben? Misbah Khan (B’90/Grüne), Nam Duy Nguyen (Linke), Norbert Altenkamp (CDU), Ehsan Djafari (IGD) und Elena Kountidou (NDM) haben sich dieser Frage gestellt, ohne sie in eine Talkshow-Dramaturgie zu verwandeln. Rasha Nasr (SPD) musste ihre Panelteilnahme leider kurzfristig absagen. Im anschließenden Q&A konnte das Publikum direkt nachfragen und eigene Erfahrungen einbringen.
Zusammenhalt als Entscheidung
Der zweite Block brach bewusst mit dem klassischen Bühnenformat: keine Frontalität, sondern drei parallele Angebote mit unterschiedlichen Methoden für unterschiedliche Bedürfnisse.
In der Fishbowl-Diskussion „Kein Zuschauen mehr“, eröffnet mit einem Impuls von Dr. Ferdinand Mirbach (Robert Bosch Stiftung) und moderiert von Cana Nurtsch (TGD), ging es darum, was es für Wirtschaft, Stiftungswesen und Zivilgesellschaft bedeutet, jetzt Verantwortung zu übernehmen, wenn sich der Staat zurückzieht. Im Innenkreis saßen Eter Hachmann (DaMOst, BKMO-Vorstand), Jakob Reinhold (Konrad-Adenauer-Stiftung), Matthias Jakubowski (Frag den Staat) und Sylvia Pfefferkorn (Wirtschaft für ein weltoffenes Sachsen), außen wurde zugehört, und wer etwas beitragen wollte, nahm den offenen Stuhl ein.
Im Workshop „How to be an Ally“ mit Sabrina Rahimi ging es sehr konkret zur Sache: Was brauchen migrantische Organisationen wirklich, was blockiert echte Solidarität, und wie sieht Mitverantwortung im Alltag aus, jenseits von Selbstbezeichnung und gut gemeinten Gesten?
Der geschützte BIPoC-Resonanzraum unter Leitung von Sohal Behmanesh und Aki Krishnamurthy bot dagegen bewusst keinen Diskurs, sondern Stille, somatische Praktiken, kollektives Atmen und Gespräche, die anderswo keinen Platz haben.
Drei Räume, drei Methoden, eine Frage: was wir einander schuldig sind, und was wir gemeinsam bewegen können.
Kunst als Widerstand
Im dritten Panel, moderiert von Fabienne Mawahne, sprachen Emilia Roig, Cuso Ehrich, Katharina Oguntoye und Raquel Kishori Dukpa darüber, wie ein Leben aussieht, das Kunst und Aktivismus nicht trennt. Alle vier schreiben, drehen oder performen öffentlich sichtbar für das, was sie sind, und das hat einen Preis: Anfeindungen, Erwartungsdruck, die Frage, wie viel man von sich preisgibt, damit die eigene Arbeit authentisch bleibt. Das Gespräch drehte sich auch darum, was es bedeutet, wenn die eigene Kunst zur politischen Aussage wird, ob man das will oder nicht.
Der Abend
Den Tag abgerundet haben Spoken Word und Lesung mit unter anderem Jacinta Nandi, Lena Whoo und Josef Kolisang, das Kollektive Erinnern mit Marianne Ballé Moudoumbou (BKMO-Vorstand), bei dem es nicht um Trauer ging, sondern um die Erinnerung daran, was wir schon überstanden haben, und ein gemeinsames Community Dinner. Genau die Momente, in denen spürbar wurde: wir tragen das zusammen.
Wir danken allen, die dabei waren, für den Austausch und die anregenden Gespräche.
Fotos von Tag 1
Alle Fotos: ©Lan Rommel






















