Es geht auch anders: Warum wir das Memorandum für einen starken Flüchtlingsschutz unterstützen
Wer die aktuelle Debatte über Flucht und Migration verfolgt, könnte den Eindruck gewinnen, dass Schutzsuchende vor allem als Problem betrachtet werden. Die politischen Vorschläge überschlagen sich: schnellere Abschiebungen, mehr Grenzkontrollen, weniger Rechte. Gleichzeitig geraten die Menschen aus dem Blick, um die es eigentlich geht.
Genau deshalb haben wir als Bundeskonferenz der Migrant*innenorganisationen (BKMO) das neue „Memorandum für einen starken Flüchtlingsschutz“ mitunterzeichnet. Gemeinsam mit 274 weiteren Organisationen aus Zivilgesellschaft, Wohlfahrt, Menschenrechtsarbeit und migrantischer Selbstorganisation setzen wir ein Zeichen für eine andere Perspektive: eine Perspektive, die Menschenrechte, gesellschaftlichen Zusammenhalt und Teilhabe ins Zentrum stellt.
Das Memorandum erscheint im Jahr des 75-jährigen Bestehens der Genfer Flüchtlingskonvention. Es erinnert an einen Grundsatz, der heute oft verloren zu gehen droht: Menschen, die vor Krieg, Verfolgung oder existenzieller Bedrohung fliehen, haben Anspruch auf Schutz. Dieses Versprechen war nie nur eine rechtliche Verpflichtung. Es ist Ausdruck eines gesellschaftlichen Selbstverständnisses, das auf Menschenwürde und Solidarität beruht.
Als migrantische Organisationen wissen wir, dass Debatten über Flucht und Migration selten abstrakt bleiben. Sie wirken sich unmittelbar auf das Leben von Menschen aus. Auf Familien, die Schutz suchen. Auf Communities, die seit Jahrzehnten Teil dieser Gesellschaft sind. Und auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt insgesamt.
Besonders wichtig ist uns deshalb der Grundgedanke des Memorandums: Flüchtlingsschutz endet nicht bei der Aufnahme. Schutz bedeutet auch Teilhabe. Wer Menschen Sicherheit gibt, ihnen Zugang zu Bildung, Arbeit und gesellschaftlicher Mitgestaltung ermöglicht, stärkt nicht nur die Betroffenen, sondern die Gesellschaft als Ganzes.
Die aktuelle politische Diskussion vermittelt dagegen oft den Eindruck, Menschenrechte und gesellschaftliche Stabilität stünden in einem Widerspruch zueinander. Das Gegenteil ist der Fall. Gesellschaften werden nicht dadurch stärker, dass sie Schutzrechte abbauen. Sie werden stärker, wenn sie Vertrauen schaffen, Teilhabe ermöglichen und gleiche Rechte für alle gewährleisten.
Das Memorandum liefert dafür keine einfachen Parolen, sondern eine Vision. Es zeigt, wie ein Flüchtlingsschutz aussehen kann, der Sicherheit, Rechtsstaatlichkeit und gesellschaftlichen Zusammenhalt zusammendenkt. Von sicheren Fluchtwegen über faire Asylverfahren bis hin zu echter Mitbestimmung und politischer Teilhabe.
Für die BKMO ist klar: Die Stimmen von Menschen mit Flucht- und Migrationserfahrung müssen Teil dieser Debatte sein. Nicht als Betroffene am Rand, sondern als aktive Mitgestalter*innen einer vielfältigen Einwanderungsgesellschaft.
Denn die Frage, wie wir mit Schutzsuchenden umgehen, ist am Ende auch eine Frage danach, welche Gesellschaft wir sein wollen.
Eine Gesellschaft der Abschottung oder eine Gesellschaft des Zusammenhalts.






